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Vom Pilotprojekt zum Vorzeigemodell

von Marcel Friedrich

Christian Reichert und Jenny Mensing vom SC Wiesbaden / Bild: thesportpicturepage.com
Christian Reichert und Jenny Mensing vom SC Wiesbaden / Bild: thesportpicturepage.com

WIESBADEN - Nach der abgeschlossenen Schulausbildung stellt sich für viele Leistungssportlerinnen und Leistungssportler die Frage: „Höre ich mit dem Sport auf?“.


Oft ist der Grund für das Karriereende nicht die fehlende Leistungsfähigkeit, Trainingsmotivation oder der ausbleibende Erfolg. Vielmehr ist von Fall zu Fall eine ungeklärte Perspektive der Dualen Karriere aus Sport und Bildung/Beruf verbunden mit einer unzureichenden finanziellen Unterstützung der Ausgangspunkt für die Beendigung des sportlichen Engagements.


Die Polizei Hessen hat hierzu im Jahr 2005 das Pilotprojekt „Sportfördergruppe Polizei im gehobenen Dienst“ ins Leben gerufen. Basierend auf dem Modell der Sportfördergruppe für Wintersport aus Thüringen, haben das Hessische Innenministerium um den damaligen Innenminister Volker Bouffier zusammen mit der Polizei Hessen und dem Landessportbund Hessen diese Initiative entwickelt. Die Ausbildung findet in Wiesbaden an der Hessischen Hochschule für Polizei und Verwaltung und in der Bereitschaftspolizei statt. Auch andere Bundesländer und Behörden haben sich am Modell der Hessischen Polizei orientiert und Sportfördergruppen etabliert. Intern gilt das Modell aus Hessen als Vorzeigemodell, da es sich durch die gute Struktur und Planung seit 15 Jahren bewährt.


Christi
an Reichert, Olympiateilnehmer und zweifacher Weltmeister, ist seit 2005 im Team der Sportfördergruppe in Hessen. Er selbst zeigt sich äußerst zufrieden mit dem damals aufgestellten System. „Andere Bundesländer haben das gesehen und uns das nachgemacht.“ sagt der 32 Jahre alte Polizeioberkommissar im Interview. Mit der Einstellung in den gehoben Dienst unterscheidet sich das Modell von anderen Bundesländern sowie den Sportfördergruppen von Bundeswehr, Bundespolizei und Zoll. Hier erfolgt die Einstellung im mittleren Dienst. Die Ausbildung ist durch die vollständige Freistellung für Sportveranstaltungen, wie zum Beispiel Wettkämpfe, Training und Trainingslager von 3 auf 4,5 Jahre verlängert worden. „Das gibt uns die Möglichkeit morgens zum Training zu gehen und dann in in den Lehrsaal. Nach den Lehrveranstaltungen gehen wir wieder ins Training.“, sagt Reichert. Auch die derzeit in Wien trainierende Jenny Mensing ist seit 2007 Angehörige der hessischen Polizei. Mensing hat sich wie Reichert zum einen aus Interesse am Polizeiberuf für die Laufbahn entschieden, dennoch nennen beide aber auch die hohe Flexibilität in Bezug auf den Sport, Trainingsbedingungen und die berufliche Sicherheit als Gründe für die Berufswahl. Mensing betont: „Sollten wir nicht weiter unsere Leistungen erfüllen, haben wir eine Übergangszeit von 1,5 Jahren. Diese dient uns dann zum Abtrainieren und zur Eingliederung in den regulären Dienst“. Mensing und Reichert sind beide verbeamtet und haben somit auch nach dem Ausscheiden aus der Sportfördergruppe eine gute berufliche Perspektive bei der Polizei.

Bilder: thesportpicturepage.com

Finanziell sind die Polizeikommissaranwärterinnen und -anwärter gut aufgestellt. Mit einer Besoldung von 1200 bis 1300 EUR in den ersten 3 Jahren erhalten sie das reguläre Anwärtergehalt. Mit abgeschlossener Ausbildung zur Polizeikommissarin/zum Polizeikommissar steigt das Gehalt auf die Stufe A9, also rund 2200 EUR pro Monat. Seit Oktober 2017 ist auch Samira Erhart im Team der Sportfördergruppe Hessen. Die 19 Jahre alte Sportlerin wechselte kürzlich das Startrecht nach Wiesbaden. Sie wohnt nun in der Nähe der Hochschule in einer WG und war mit den Trainingsbedingungen in Wiesbaden zufrieden. „Ich kann durch den Fokus auf den Sport nun mehr trainieren. Das wirkt sich sehr auf meine Leistungen aus.“ Wiesbadens Cheftrainer Oliver Großmann trainiert die polizeigeförderten Schwimmerinnen und Schwimmer des SC Wiesbaden und betont: „Aus meiner Sicht arbeiten Polizei, Verband und Sportler sehr gut zusammen. Wir haben gute Trainingsbedingungen und versuchen den Sportlern eine bestmögliche Grundlage zu bieten.“ Er betreut sehr gerne die Sportlerinnen und Sportler der Sportfördergruppe und ist auf die Leistungen in der kommenden Saison sehr gespannt.

 

Christian Reichert will noch einmal zu den Olympischen Spielen. Er kann sich ganz auf den Sport konzentrieren, ist vom regulären Dienst freigestellt. „Das gibt mir die Freiheit mich zu 100% auf den Sport zu fokussieren. Ich weiß, dass meine Familie und ich voll abgesichert sind“, sagt der Familienvater. Momentan schwimmt er rund 3000 km im Jahr. „Ich kenne kein Modell, in dem ich das sonst könnte“, fügt er hinzu.

 

Die Sportfördergruppe ermöglicht des Weiteren auch das Training im Ausland. Mensing trainiert seit mehreren Jahren in Wien und erhält volle Unterstützung durch die Polizei. Auf eigenen Antrag kann ein Trainingsplatz auch in anderen Ländern gefördert werden. Dies ist allerdings erst nach der abgeschlossenen Ausbildung möglich.

 

Die Bewerbung steht jedem offen, der mindestens die Fachhochschulreife erworben hat. Es erfolgen dann der reguläre Einstellungstest bei der Polizei und die Prüfung der sportlichen Leistungen und Perspektiven durch die Polizei und den Verband. Wenn diese Hürden überwunden werden, steht der bewährten Förderung durch die Polizei nichts im Wege.

www.swimsportnews-hessen.de (Marcel Friedrich) +++

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